Der Europäische Verband der Motorradhersteller (ACEM) fordert Stadtplaner auf, Motorräder, Motorroller und andere Fahrzeuge der L-Kategorie bei der künftigen Verkehrsplanung angemessen zu berücksichtigen. In den neuen Leitlinien wird dargelegt, wie sie eine weitaus größere Rolle bei der Entlastung von Staus, der Reduzierung von Emissionen und der Freigabe riesiger städtischer Flächen spielen könnten.
Das Dokument mit dem Titel „Rightsizing Urban Mobility“ soll lokalen Behörden dabei helfen, Motorräder, Mopeds, Dreiräder und Vierräder in nachhaltige städtische Mobilitätspläne (SUMPs) zu integrieren.
Und die Zeit für Veränderungen drängt, denn bis Ende 2027 müssen 431 Städte in ganz Europa über SUMPs verfügen. Anschließend müssen sie jeweils damit beginnen, Mobilitätsdaten an die Europäische Kommission zu melden. ACEM argumentiert, dass die jetzt getroffenen Entscheidungen bestimmen werden, wie sich europäische Städte im nächsten Jahrzehnt entwickeln werden.
Im Mittelpunkt der Leitlinien steht das Bestreben, Fahrzeuge der L-Kategorie als eigenständiges Transportmittel anzuerkennen und nicht als nachträglichen Gedanken in der Stadtpolitik und -planung. ACEM gliedert seine Empfehlungen in drei Bereiche: Mobilitätseffizienz, Verkehrssicherheit und Umweltleistung.
In Bezug auf die Mobilität wird darauf hingewiesen, dass kleinere motorisierte Zwei- und Dreiräder bereits zum täglichen Pendeln und zur städtischen Logistik beitragen, in formellen Planungsstrategien jedoch nach wie vor zu wenig genutzt werden. Darin wird argumentiert, dass eine bessere Integration unmittelbar zu Stauentlastungen und kürzeren Fahrzeiten führen könnte.
Es stützt sich auf Untersuchungen von Transport & Mobility Leuven, die herausgefunden haben, dass eine 25-prozentige Verkehrsverlagerung von Autos auf Motorräder auf dem Korridor Brüssel–Leuven Staus auf dieser Strecke effektiv beseitigen würde. ACEM nutzt die Studie, um sein umfassenderes Argument zu untermauern, dass Fahrzeuge der L-Kategorie nicht nur den Druck auf die Fahrer verringern, sondern auch den Verkehrsfluss für alle Verkehrsteilnehmer verbessern, indem sie die Gesamtbelegung der Straße verringern und die Stillstandszeit im Verkehr verkürzen.

Eine der auffälligsten Behauptungen ist, wie viel physischer Raum derzeit von Autos dominiert wird (sei es fahrende oder geparkte) und wie viel davon dank einer nur kleinen Änderung der Pendlergewohnheiten erschlossen werden könnte. Einer Analyse von Oxford Economics zufolge könnte selbst eine kleine Abkehr vom Auto dramatische Auswirkungen auf die Funktionsweise von Städten haben. Würde man in der EU und im Vereinigten Königreich nur 1 Prozent der Autos durch Motorräder ersetzen, würden rund 25 km² Parkplatz frei, was laut ACEM etwa halb so groß ist wie die Stadt Luxemburg.
Wenn man das auf 5 Prozent rechnet, steigt die Zahl auf 124 km², eine Fläche, die größer als Paris ist. Bei 10 Prozent könnten fast 250 km² Stadtfläche zurückgewonnen werden, was der Größe von Bukarest entspricht. ACEM argumentiert, dass dieses Land dann für Wohnzwecke, öffentlichen Raum, Grünflächen oder lokale Geschäftsnutzung umgenutzt werden könnte, wodurch Städte auf eine Weise umgestaltet würden, die weit über den bloßen Verkehr hinausgeht.

Auch Umweltauswirkungen spielen in diesem Fall eine wichtige Rolle. ACEM führt Zahlen an, aus denen hervorgeht, dass eine 5-prozentige Verlagerung von Autos auf Motorräder in der EU und im Vereinigten Königreich die CO2-Emissionen um etwa 2,6 Millionen Tonnen pro Jahr reduzieren würde, was zu geschätzten 308 Millionen Euro (rund 266 Millionen Pfund) an vermiedenen Klimakosten führen würde.
Es wird weiterhin hervorgehoben, dass bestehende Motorradpendler bereits zu diesem Bild beitragen. Fahrgäste machen derzeit rund 3,4 Prozent der rund 188 Millionen Pendler in der EU und im Vereinigten Königreich aus und sind bereits für geschätzte 1,8 Millionen Tonnen CO2-Einsparungen verantwortlich, was etwa 209 Millionen Euro (rund 180 Millionen Pfund) an reduzierten Kosten entspricht.
Neben Emissionen und Staus legt ACEM großen Wert auf die räumliche Effizienz von Fahrzeugen der L-Kategorie. Vier Motorräder können einen einzigen Parkplatz belegen, ein Detail, das laut Organisation an Bedeutung gewinnt, wenn man es auf ganze Städte ausweitet. Es wird argumentiert, dass eine bessere Nutzung der Straßen- und Parkinfrastruktur einer der unmittelbarsten und kostengünstigsten Vorteile ist, die Stadtplanern zur Verfügung stehen.

Auch die Sicherheit wird in den Leitlinien thematisiert, wobei ACEM dazu aufruft, Fahrer als gefährdete Verkehrsteilnehmer anzuerkennen und gezielte Strategien zur Risikominderung in Umgebungen mit gemischtem Verkehr zu entwickeln.
Antonio Perlot, Generalsekretär von ACEM, sagte, das Ziel bestehe darin, Motorräder und Motorroller vom Rand der Politik in den Mittelpunkt der Verkehrsplanung zu rücken.
„Die Erkenntnis wächst, dass Fahrzeuge der Klasse L eine bedeutende Rolle in der Zukunft der städtischen Mobilität spielen. Mit diesem Leitfaden wollen wir politischen Entscheidungsträgern und Städten dabei helfen, diese Erkenntnis in die Tat umzusetzen, indem sie Motorräder, Mopeds, Dreiräder und Vierräder als eigenständige und strategische Verkehrsmittel in ihre Mobilitätsplanung integrieren. In diesem Dokument wird eine engere Zusammenarbeit zwischen Behörden und Fahrzeugherstellern gefordert, die innovative Möglichkeiten eröffnen würde, um europäische Städte effizienter, lebenswerter und nachhaltiger zu machen – im Interesse nicht nur ihrer Nutzer, sondern auch.“ Die Frage ist nicht mehr, ob Fahrzeuge der Klasse L zu diesem Design gehören, sondern wie viel dadurch verloren geht, wenn man sie weglässt.
Der Leitfaden wird nun in den kommenden Monaten im Rahmen einer Reihe von Veranstaltungen Stadtbehörden, Mobilitätsexperten und politischen Entscheidungsträgern vorgestellt. Ob die wichtigen Personen den Rat beherzigen, bleibt abzuwarten.